Rückblick – 28.Spieltag

Spieler des Spieltags: Jean-Paul Boetius

Die dringend benötigte Kehrtwende im Spielerischen und die gesteigerte Punkteausbeute der 05er kam mit der Übernahme durch Ex-Spieler Bo Svensson. Seine ersten Profitrainer-Schritte hat der Däne beim FC Liefering, dem Salzburger RB-Farmverein, gemacht und von dort das „Rangnicksche“ Spielsystem mitgebracht und sofort in Mainz implementiert. Der aufs aggressive Pressen und geradlinig Richtung Tor agierende Ansatz benötigte zunächst laufstarke, schnörkellose, aber eher weniger kreative Mittelfeldspieler, die gerne lange den Ball halten und das Dribbling suchen. Opfer des Systems war unter Anderem der niederländische Feingeist Jean-Paul Boetius.

Nach seltener Berücksichtigung in den ersten Wochen bekommt er nun aber immer mehr Spielzeit. An diesen Spieltag beim Abstiegskrimi gegen ebenbürtige Kölner war Boetius der beste Mann auf dem Platz. Der ehemalige Spieler der Elftal war passgenauster Rhein-Hesse auf dem Platz, spielte die meisten Torgefahr bringenden Schnittstellen-Pässe und tauchte mit dem Treffer zum 0:1 und der Vorlage zum zwischenzeitlichen 2:2 doppelt in der Scorer-Liste auf. Sahnestück war vor Allem sein Tor, bei dem er eine Hereingabe des ebenfalls prächtig aufspielenden Barreiro Martins technisch anspruchsvoll per Direktabnahme mit der Innenseite unter der Latte versenken konnte.

Den Alten wird der Rang abgelaufen

Ein gerne wiederholtes Narrativ in Dortmund ist, dass die Inkonstanz der Borussen im direkten Zusammenhang mit der sehr jungen Altersstruktur des Kaders steht. Die vergangen Auftritte der Schwarz-Gelben geben einen gegensätzlichen Eindruck wieder. Routiniers wie das unsichere Torhüter-Duo Bürki/Hitz oder Außenverteidiger Fehleinkauf Thomas Meunier kosteten durch individuelle Fehler bereites einige Punkte, die ehemaligen Nationalspieler Schulz, Brandt und der zugegeben momentan wieder in Form kommende Kapitän Marco Reus agierten über den Großteil der Saison weit unter ihrem eigentlichen Leistungsvermögen. Dazu kommt, dass den Sechsern Witsel und Delaney inzwischen immer häufiger der eigene Körper einen Strich durch die Rechnung macht.

Garanten für die Tore waren bei den Borussen zumeist die heiß umworbenen Top-Talente Jadon Sancho und Erling Haaland. Mit Jude Bellingham spielt sich in den letzten Wochen der nächste, erst 17-jährige in den Fokus. In einer keineswegs einfachen Saisonphase geht der Brite auf dem Platz voran, ist immer anspielbereit, laufstark und strahlt durchgehend Präsenz und Selbstbewusstsein aus. Beim starken Champions-League-Hinspiel gegen die übermächtig geglaubten Citizens bereits bester Dortmunder auf dem Platz wiederholte er diesen Eindruck auch als Torschütze und Taktgeber beim 2:3-Sieg in Stuttgart. Siegtorschütze in der Mercedes-Benz-Arena war keiner der Alteingesessenen, sondern der aus der eigenen Jugend kommende 19-jährige Ansgar Knauff.

Generationen an Feuerwehrtrainern

Markus Gidsol kann man zweifelsfrei den Harry Houdini der Bundesliga nennen. Immer wenn sich die Schlinge zuzuziehen schien, überraschte der Effzeh mit einem Sieg, der Gisdol im Amt bleiben ließ. Aus einer weiteren sportlichen Misere kommend, empfingen die Kölner den formstarken Tabellennachbarn aus Mainz. Mit dem Rücken zur Wand stehend waren einmal mehr Gisdols Entfesselungskünste gefragt. Doch trotz einer über weite Strecken guten Partie mussten sich die Kölner letzten Endes durch einen Last-Minute-Treffer mit 2:3 geschlagen werden. Keine 24 Stunden später waren die Gazetten voll mit Meldungen über die Entlassung des Chefscoachs.

Die Entlassung Gisdols scheint ein weiterer Beleg, dass der Schwabe so ziemlich der einzige Feuerwehrmann seiner Trainer-Generation scheint. Im Tabellenkeller festsitzende Mannschaften kriegt der Ex-Schalker schnell auf Spur und vor dem Schreckgespenst Bundesliga-Abstieg gerettet. Für eine volle Saison fehlt ihm aber offensichtlich das Geschick, seiner Mannschaft eine erfolgsversprechende Spielidee verinnerlichen zu lassen. Nachfolger wird mit dem stadt- und vereinsbekannten Friedhelm Funkel der Feuerwehrmann schlechthin.

Der hatte nach seinem überraschenden und unsauberen Aus bei Fortuna Düsseldorf in der vergangenen Saison eigentlich seinen Ruhestand angekündigt. Nun macht ihm die Corona-Langeweile aber einen Strich durch die Rechnung. „Die Lebenssituation hat sich durch die Corona-Pandemie für sehr viele Menschen verändert“, erklärte Funkel seine Beweggründe. „Ich konnte meine Freiheiten nicht so genießen, wie ich es mir vorgestellt hatte.“ Statt seinen Hobbys nachgehen zu können, musste auch Funkel in den vergangenen 13 Monaten überwiegend auf Abstand gehen und die Füße still halten. „Ich habe mich in der Zeit viel mit Fußball beschäftigt, weil ich viel Freizeit hatte“, so der alte und neue Kölner Chefcoach.