Hausarbeit zur Beeinflussung des US-Wahlkampfs durch die sozialen Medien

Ist die Entwicklung zu einer im digitalen Zeitalter neu entstandenen und durch die sozialen Medien immens geprägten unübersichtlichen und partizipatorischen öffentlichen Kommunikation entscheidender Faktor für den Wahlerfolg Donald Trumps?

                                       

Im Folgenden gehe ich, ausgehend von Elisabeth Klaus und Ricarda Druekes Publikation „Öffentlichkeiten und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse“  und der Vorlesung „Öffentlichkeit/Soziale Medien“, auf die im Zuge des digitalen Zeitalters neu entstandenen öffentlichen Kommunikationsräume ein. Ich erläutere ihre definierende Charakteristik, wäge Vor- und Nachteile dieser Kommunikationsweise ab und setze sie in Bezug zur Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im Jahre 2016.

Laut der Darstellung der Ebenen von Internet-Öffentlichkeiten ( Drüeke/Klaus 2014) lassen sich diese grob in drei verschiedene Ebenen einteilen. Die einfache Ebene umfasst soziale Medien, Blogs, Foreneinträge und Kommentare zu Online-Zeitungen. Die mittlere Ebene beinhaltet Protestbewegungen im Internet und die komplexe Ebene zum Beispiel das E-Government oder Online-Zeitungen.

Nach Ricarda Drüeke sind alle drei Ebenen sehr durchlässig und stehen in einer konstanten reziproken Abhängigkeit zueinander. Nach dem Werk „Öffentlichkeiten und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse“ von Elisabeth Klaus und Ricarda Drueke sinkt zwar die Zahl der Kommunikationsforen, aber es steigern sich der gesellschaftliche Einfluss und die Macht aufsteigend von der einfachen bis zur komplexen Ebene.

Der Wahlerfolg des egomanischen und politisch höchst fragwürdig agierenden US-Präsidenten Donald Trump zwingt zum kritischen Blick auf das aktuelle Mediensystem und die „digitalisierte“ Form der öffentlichen Kommunikation. Haben die situativen Bedingungen der Medienbranche und das die Masse erreichende „Tool“ Social Media den Aufstieg Trumps ermöglicht?

Zunächst einmal bestätigt der Ablauf des US-Wahlkampfs die These der Autorinnen, dass im Netz keine strikt voneinander separierten Ebenen der öffentlichen Kommunikation existieren. Durch die Schnelllebigkeit des Internets mit seinen großen publiken Meinungsplattformen für jedermann und die Ausweitung des Angebots einflussreicher Verlage, Zeitungen und Medienbetriebe in den Online-Bereich hinein – hier insbesondere in den öffentlichen diskursiven Raum der Social Medias wie Twitter oder Facebook –  stehen die drei Ebenen in ständiger, wechselseitiger Beeinflussung zueinander. Es entsteht eine Sphäre, in der jeder jeden zitiert, alle sich auf alles beziehen, sodass der Ursprung von Quellen oder Fakten häufig nicht mehr erkennbar ist. Gerüchte und Spekulationen werden durch permanentes Weitertragen und Weitersagen irgendwann als Tatsachen dargestellt und geglaubt.

Kritisch zu hinterfragen ist allerdings die Auffassung, die komplexe Ebene übe nach wie vor den höchsten gesellschaftlichen Einfluss aus und habe die größte soziale und politische Macht inne. Das würde bedeuten, dass nach wie vor u.a. die Zeitungsredaktionen, also klassische Verlagshäuser, den größten Einfluss haben – eben nur nicht mit gedruckten Nachrichten, sondern mit für das Netz aufbereiteten Inhalten.

Gegner dieser Position argumentieren jedoch, die Wählerbeeinflussung im US-Wahlkampf sei auch deshalb so schwer zu durchschauen gewesen, weil es im Zeitalter der Algorithmen keine einheitliche Öffentlichkeit mehr gibt. Jeder formt und konsumiert seine eigene Dosis Internet. Medienwissenschaftler sprechen von den sogenannten „Filter Bubbles“ (vgl. Wimmer). Auf das Beispiel Facebook bezogen bedeutet das, jeder User kann durch das Markieren mit „Gefällt mir“ seinen täglichen News und Media-Feed individuell bestimmen. Man erhält nur die Informationen, bei denen davon auszugehen ist, dass sie auf positives Interesse stoßen. Durch das Kundtun eigener Vorlieben verhindert man also, mit Nachrichten und Inhalten versorgt zu werden, die eher nicht den persönlichen Vorlieben entsprechen. Relevanz und Wahrheitsgehalt spielen demgegenüber eine untergeordnete Rolle.

Aus diesem Umstand resultiert, dass die Artikel verschiedener massenmedialer Plattformen nur marginalen Einfluss auf die politische Bildung vieler wahlberechtigter Bürger nehmen.  So passiert es, dass stattdessen Blogs einzelner Influencer und Meinungsmacher mit unreflektierter politischer Einstellung oder die Kommentarflut politisch dürftig gebildeter User in den Social Medias zur Triebfeder des gesellschaftlichen Meinungsbildes werden.

Dieses Verweilen in der selbstgeformten Filterblase festigt ein einseitiges politisches Verständnis. Viele Menschen surfen quasi mit Scheuklappen durch das World Wide Web und ignorieren Standpunkte links und rechts ihres Weltbildes. Dieser neuartigen Form des Medien- und Newskonsums hat sich Donald Trump bei seiner Wählerakquise zunutze gemacht. Seine Millionen Twitter-Follower fütterte er täglich mit kurzen Statements. Im Fokus stand dabei, kastriert durch das 280 Zeichen Limit des Microblogging-Dienstes, selbstverständlich keine detaillierte, ausgeklügelte und argumentativ fundierte politische Meinung. Stattdessen sammelte Trump durch brachiale, simple Rhetorik, agressive und leicht verständliche Metaphorik und ein gezieltes Streuen von Falschmeldungen („Alternative Facts“) eine beachtliche Jüngerschaft.

Diese Verbreitung von Falschmeldungen greift der Medienwissenschaftler Jeffrey Wimmer als charakteristische Eigenschaft in seiner Ausführung „Ambivalenzen digitaler (Teil-) Öffentlichkeiten“ auf. Dadurch, dass jeder von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch machen kann und mit dem Internet eine riesige „Spielwiese“ zur Verfügung hat, können Fehlmeldungen durch einzelne User lauffeuerartig verbreitet und unendlich weitergesponnen werden.

Die Glaubwürdigkeit von Informationen wird schwer beurteilbar und Fehlkommunikation zwischen einzelnen Internetnutzern steht auf der Tagesordnung. Ob bewusstes Täuschen oder fahrlässiges Handeln – die Einfachheit der Nachrichtenübermittlung und der Schutz der Verfasser durch die Anonymität im Internet – nahezu niemand muss sich für Falschmeldungen verantworten – leisten einer Flut zweifelhafter Inhalte Vorschub.

Der seriöse Journalismus verliert somit auch seine Rolle als „Gatewatcher“. Denn der Sorgfaltspflicht und der Prüfung der Glaubwürdigkeit von Quellen kann durch die schier unvorstellbare Menge an Nachrichten, Kommentaren und Meinungen im Netz nur noch bedingt nachgekommen werden. Oder anders formuliert: Wer nach den hehren Maßstäben des „guten, alten Journalismus“ nur geprüfte und bestätigte Informationen aus zweifelsfreien Quellen veröffentlicht oder berücksichtigt, hat in der hyperbeschleunigten Onlinekommunikation keine Chance auf Wettbewerbsfähigkeit. Das wirft  die Frage in den Raum, ob die digitale Öffentlichkeit für einen raschen und vollständigen Bedeutungs- und somit auch Machtverlust des klassischen Journalismus sorgt.

Werden einzig die Entwicklungen des US-Wahlkampfes 2016 zur Analyse herangezogen, kommt tatsächlich dieser Eindruck auf. Während User, Blogs und Randmedien verstörende Falschmeldungen in die Welt hinausbliesen, die tausendfach in den sozialen Netzwerken kursierten, gelang es dem etablierten Journalismus nur noch selten, landesweite Aufmerksamkeit zu generieren.

Instrumente wie Clickbaiting oder das Starten von Online-Petitionen ermöglichten es Medien, abseits des bisherigen Mainstreams den unbeweglichen und wenig flexiblen Massenmedien den Rang abzulaufen. Diese enorme Flexibilität der sozialen Netzwerke nutzte das Wahlkampfteam Trumps unter Anderem zur Demontage seiner ärgsten Konkurrentin Hillary Clinton.

Privat gefilmtes Videomaterial, das einen Schwächeanfall Clintons während ihrer Wahlkampftour zeigt, verbreitete sich in Windeseile in den sozialen Medien und wurde millionenfach geklickt, geteilt und reproduziert. Je länger der Wahlkampf andauerte, desto eindrücklicher schien es, dass er unter den Bedingungen eines medialen Kontrollverlustes geführt wurde.

US-Forscher fanden retrospektiv sogar heraus, dass im Wahlkampf Social Bots genutzt wurden, um Trends zu verstärken. Das heißt im Klartext, dass Maschinen statt Menschen dafür gesorgt haben, beispielsweise gewisse Tweets oder Facebook-Posts explizit hervorzuheben und damit die Emotionen anzuheizen und pseudo-politische Diskussionen ins Rollen zu bringen. Das zeigt, dass die Verlagerung der Öffentlichkeit in den digitalen Raum es sogar ermöglicht, dass Algorithmen illegal und manipulativ Einfluss auf interpersonale Belange nehmen können. Der Wahlkampf wurde massiv durch einen Sumpf von Falschmeldungen, Anschuldigungen und manipulative Maßnahmen mitgesteuert, der in den sozialen Netzwerken einen geeigneten Nährboden fand.

Eine weitere Eigenschaft, die Wimmer sinnbildlich für die Ambivalenzen digitaler (Teil-) Öffentlichkeiten sieht, sind die sogenannten Ad-Hoc Öffentlichkeiten. Als eine Ad-Hoc Öffentlichkeit wird ein kurzfristig offenes und thematisch konzentriertes soziales Interaktionssystem bezeichnet. Ein geeignetes Beispiel dafür ist der #aufschrei, der im Zuge der Anschuldigungen der sexuellen Belästigung einer Journalistin gegenüber dem FDP-Politiker Rainer Brüderle sowohl als Leitsymbol des aufkommenden Sexismusdiskurses, aber auch als soziotechnisches Ordnungssystem innerhalb der Twittersphäre fungierte.

Donald Trump streute während des Wahlkampfes, vorwiegend über sein Lieblingsmedium Twitter, in Situationen, in denen er selbst unter massiven Druck geriet, verschiedene Hashtags, um Ad-Hoc Öffentlichkeiten zu schaffen, die kurzfristig von dem Beschuss seiner eigenen Person ablenken sollten. Veröffentlichten Medien Artikel über Trumps Wirken in der Russlandaffäre, private Skandale wie seine zahlreichen sexistischen und rassistischen Ausfälle oder Statistiken, die eine Wahlniederlage des Immobilienmoguls oder den drohenden Untergang der amerikanischen Volkswirtschaft vorhersagten, bezichtigte er diese durch den #fakenews der Lüge. Dadurch ermutigte er Follower und Gleichgesinnte, sich ihm anzuschließen und gegen „feindlich“ gesinnte Medien zu wettern. So schaffte er es immer wieder, digitale Teilöffentlichkeiten zu schaffen, die es sich zur Aufgabe machten, gewisse Medien zu diskreditieren, eigene Pseudo-Wahrheiten zu kommunizieren und den Diskurs von Trump-gefährlichen auf Trump-vorteilhafte Themen zu lenken.  Es gelang Trump erfolgreich, von seinen Fehltritten, Affären und Peinlichkeiten abzulenken – ohne diese neuen „Waffen“ der Internetkommunikation hätte er viele Schlachten des klassischen, investigativen Journalismus verloren.

Abschließende Gedanken und Fazit zur Internet-Öffentlichkeit

Abschließend lässt sich feststellen, dass der Wandel zu einer größtenteils im Internet verorteten öffentlichen Kommunikation neue Chancen, aber auch neue Risiken birgt. Im Falle des US-Wahlkampfes von 2016 scheint es, dass Trump Profiteur eines flächendeckenden Medienumbruchs war und ist, weil er die Vorteile einer riesigen partizipatorischen Internet-Öffentlichkeit besser zu nutzen wusste als seine Kontrahentin.

Es ist anzunehmen, dass in Zukunft immer mehr global bedeutsame Entscheidungen signifikant über die sozialen Medien und den im Internet stattfindenden öffentlichen Diskurs geprägt werden. Im Zuge dieser Annahme ist es von höchster Relevanz, dem Erwerb digitaler Kompetenzen in allen Alters- und Bildungsklassen einen enormen Stellenwert beizumessen.